Es war nicht alles schlecht


Herrn noNsense seine Idee einmal 10 Jahre zurück zu schauen und sich seiner persönlichen musikalischen Einflüsse bewusst zu werden hat mir auf Anhieb gefallen. Darum machte auch ich mich daran eine Liste zu schreiben. Eine Zeitreise began, und so manch fast vergessenes Kleinod wurde wiederentdeckt.

Ich ordne das mal chronologisch nach Erscheinungsjahr, obgleich die gelisteten Alben nicht in dieser Reihenfolge in meine Wahrnehmung gedrängt sein müssen. Links zum schnellen reinhören und zur Band hab ich auch noch dazu getan.

Hier nun also der Versuch einer musikalischen Annäherung an meine letzten 10 Jahre.

Hekate – Sonnentanz (2000)

Ihren Ursprung im Neofolk sehend bietet die Koblenzer Band auf diesem Album Avantgardeklänge vermischt mit mittelalterlichen Versatzstücken, bombast Marschelementen und Texten dargebracht auf Englisch, Französisch, Deutsch und Jiddisch. Sehr ergreifende und kraftvolle Stücke mitunter.

Mono für alle – Mono für alle (2001)

Schlagzeug, Bass, Orgel und schriller Gesang. Mehr braucht es nicht um richtig geile Musick zu machen. Live das intensivste was ich bis dahin gesehen habe. Kontroverse Texte zwar (Amoklauf), aber dadurch hebt sich die Band wohltuend von der Masse ab. Für mich eins der besten Album der letzten 10 Jahre.

Hagalaz’ Runedance – Friggas Web (2002)

Ein Tonträger der wieder dem Neofolk zuzurechnen ist. Auf dieser Scheibe wird die Germanische Mythologie vertont und dem Umstand Rechnung getragen, dass die Sängerin Andrea „Nebel“ Haugen verschiedensten okkulten/naturreligiösen Gruppen angehört(e). Ruhige, fast schon rituelle Klänge ergänzen sich mit treibendem Trommelspiel.

Orplid – Nächtliche Jünger (2002)

Eine Perle des Neoklassischen Genres. Orplid aus Halle verstehen es vorzüglich zarten und gleichzeitig wortgewichtigen Gesang in bisweilen opulente Lieder zu verpacken, ohne dabei allzu kitschig zu wirken. Schlichte Gitarrensongs gibt es genau so zu hören wie verzerrte Sampleorgien.

Sonne Hagal – Helfahrt (2002)

Und noch einmal Akustikgitarren-betonte Musik, die aber gekonnt elektronische Samplerelemente einbindet. Diesmal etwas treibender und mehr nach vorne. Sehr schön auch der Einsatz der Geige.

Gewaltakustik – Schmerzwerk (2003)

Gewaltakustik ist ein Projekt welches sich den heftigeren Elektroschlagklängen verschrieben hat. Verzerrte Beats getragen von einer tanzbaren Melodie machen die Musik durchaus Klubtauglich. Und das Beste: die Alben gibt es gänzlich zum freien download auf deren Seite.

Pothead – Tuf Luv (2003)

Noch nie von denen gehört bis im Pirnaer Hanno ein Konzert als Ausweichgig mit denen angesetzt war. Riesige Boxentürme bis unter die Decke und ein seltsam-süßlicher Geruch in der Luft begrüßten mich. Der Name scheint Programm zu sein. Und wenn ein Sound es verdient als fett bezeichnet zu werden, dann der von Pothead. Tiefen Gitarrenakkorde und wummernde Bassläufe umrahmen gekonnt den markanten Gesang.

Forseti – Erde (2004)

Forseti aus Jena ist für mich persönlich DIE Band wenn es um deutschsprachigen Neofolk geht. Eindringliche Stücke die unter die Haut gehen gibt es zu hören, traumhaft schön arrangiert. Mit illustren Gästen wie Ian Read (Fire+Ice), Kim Larsen (:Of The Wand And The Moon:), Uwe Nolte (Orplid), B’eirth (In Gowan Ring) und Sonne Hagal wurde ein Album produziert welches für mich in dieser Zeit das vielleicht prägendste überhaupt war und den Abschluss des Schaffens von Forseti darstellte. Die Zusammenarbeit von so vielen namhaften Künstlern ist übrigens eine weit verbreiteter Sitte in der Neofolkszene. Man kennt und schätzt sich, und man hilft sich bei den Aufnahmen aus.

The Egyptian Gay Lovers – cazzo duro moto club (2004)

Schweine-Rock’n'Roll mit jeder Menge Super Sprit gepusht. Live gibt es zur Musik der ursprünglich aus Schiebock stammenden Junx immer ein ordentliches geschubse. Bei einem solchen Konzert wurde auch dieses Album erstanden, bzw. gab es das für die 5 Euro Eintritt mit dazu. Macht jede Menge Spaß der Silberling.

FabrikC – Gleichstrom (2005)

EBM-Industrial allererster Kajüte. Derbes Düstergehacke versetzt mit Sprachsamples aus verschiedensten Filmen. Geht gut ab. Alle Regler auf Anschlag und bei mir kommt Partystimmung auf.

Noisuf-X – Antipode (2005)

Ein Nebenprojekt von X-Fusion. Feinster Power Noise, voll auf die 12. Es darf getanzt werden. Clever ausgewählte Sprachsamples runden das Ganze ab.

Johnny Cash – American V (2006)

Ich gebe zu dass ich zu Johnny Cash wie wohl die meisten Leute meiner Generation erst über MTV gekommen bin. Da war er schon eine ganz große Nummer. Aber die wunderbar melancholischen Songs, die er auf diesem Album zum besten gibt, gehen vermutlich jedem ans Herz. Und erst einmal angefixt habe ich mir auch seine früheren Werke reingezogen und war begeistert. JC geht immer.

Proyecto Mirage – Gimme Your Energy (2006)

Melodisch-technioder Noise, treibende Beats und schrille Sirenen vereint zu einem Album, welches man trotz dieser wilden Mischung als massenkompatibel bezeichnen könnte. Beim Autofahren besser nur zu hören wenn die Geschwindigkeitsbegrenzung aufgehoben und die Piste frei ist.

Rummelsnuff – Halt Durch (2008)

Derbe Strommusik aus Dresden. Als er 2008 irgendwann in der Presse gehypt wurde dachte ich mir nur “omg, watt fürn Freak is das denn”. Optisch eher der Bodybuilder, überzeugte mich erst sein Auftritt beim Sommerfest, und später seine durchaus intelligenten Texte auf diesem seinen Debutalbum. Es geht um das Alleinsein und die Sehnsucht, Liebe und so Kram halt. Unerreicht das Devo-Cover “Mongoloid”.

Portishead – Third (2008)

Mit den ersten Alben von Portishead konnte ich zu großen Teilen nix anfangen. Mal abgesehen von der wundervollen Stimme Beth Gibbons. Aber dieses Album ist für mich von vorne bis hinten ein gelungenes Meisterwerk. Wie bei Machine Gun zum Ende hin diese 80er-Jahre Synthieorgel einsetzt ist grandios. In jedem anderen Kontext würde das lächerlich wirken, aber dort passt das einfach.

Kirlian Camera – Odyssey Europa (2009)

Die Itanliener haben sich in ihrer nun bald schon 30jährigen Geschichte immer mal wieder neu erfunden. Und deswegen mag ich diese Box wirklich sehr. Denn die Zusammenstellung ihres Gesamtschaffens auf 4 Silberlingen deckt alle wichtigen Phasen ab. Eher popigere Sachen gibt es genau so zu hören wie geschrieene Vertonungen von deutschen Expressionisten. Und auch ihre Ausflüge in den Neofolk sind dokumentiert. Wenn ich hier das Wort “Düsterpop” in den Mund nehme, dann durchaus wohlwollend. Die wahre Wirkung entfalltet diese Kombo aber erst live.

Geschrieben von mortek

am 27. Februar 2010

3 Kommentare zu “Es war nicht alles schlecht”

  1. rappel sagt:

    Rummelsnuff ist einfach genial, dolle Nummer. gelegentlich sitzt der Kapitän auch in “meinem” Maschinenhaus herum ;-)

    Johnny Cash geht immer und Gewaltakustik höre ich mir gerade an, sehr interessant. alles in allem eine gute Liste, vieles kenne ich bis dato noch nicht, aber das wird schon …

    • mortek sagt:

      bei dir als naturverbundenen wandersburschen hät ich ja eher gedacht dass forseti und orplid zünden würden ;)

  2. nonsense sagt:

    imposante liste, meister! :-) (ich merk schon, wenns um so folk, neofolk, mittelalter-rödel geht, hängst du mich ganz einfach ab :-D )

    mono für alle (auf jeden fall live vorzuziehen – aber hierbei zu empfehlen!), Pothead (damals auf dem zweiten respect-festival erlebt und muss sagen: ich war enttäuscht – mir wurde stoner-rock versprochen und das is dafür bissl zu lasch), johnny cash geht für mich (abseits seiner paar hits) gar ni (sorry, meister cash), proyekto mirage hattest du irgendwann mal im hintergrund laufen, oder? erinnerte mich ein wenig an die polnische kombo “dhc meinhof” – beides nach ein bisschen eingewöhnungszeit doch witzig anzuhörn.
    rummelsnuff fand ich nur im live-zusammenhang cool. texte, musik und erscheinungsbild ergeben eine sehr interessante ästhetik – das fehlt mir dann bei der konservenversion.
    tja, und schlussendlich portishead – bei mir isses so ziemlich andersrum: mir gefällt das letzte (das von dir erwähnte album) nicht, da es mir zu gewollt verschroben klingt, mag allerdings das erste album umso mehr ;-)

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