Gastbeitrag: Retro im Hanno-Günther-Heim


Manchmal lese ich in Yuppie-Zeitungen Berichte über das Ausgehen, das Nachtleben in großen Städten, in denen die jungen Singles, Praktikanten und Durchstarter durch Clubs ziehen und jeder weiß wos abgeht.
Und frage mich, ob nicht ein Mensch dieser Zeitungswelt auch aus der Provinz kommt, wo es noch Dorfdiskos gibt, in denen seit Jahren die selbe Musik kommt.
So ist das nämlich hier. So richtig mag man es nicht mehr, wann man Ü18 ist und trotzdem findet man sich gelegentlich wieder zwischen tanzenden, hoffnungsfrohen Mädchen mit Ballerinas, Haarreifen und Unterhemdchen. Hört die Uhr ticken und versucht auf diese Weise vielleicht selbst noch einmal 15 zu sein. So stehen wir also an der Bar, mit Cola und Mädchen-Bier und plötzlich sagt Anne* “Bestimmt denken alle, wir holen jemanden ab”. Blöderweise dachte ich zuerst an Rettungssanitäterinnen. Dann wurde mir klar, dass sie das Generationsproblem meint… Wir, die Muttis, warten auf „Unsre“. Mädchen oder Junge bleibt uns bis zum Ende unklar, und so richtig will uns „keins“ gefallen. Es ist ja auch kein Partygast dabei, bei dessen Anblick man sich den Vater vor den Traualtar wünscht, statt dessen, sagen wir meist empört, das is ni „meine“. Wir finden nicht mal ein unterernährtes Mädchen mit Hirnschaden, dessen Mutter in der Schwangerschaft zu wenig gegessen hat. Dann taucht der Junge mit dem Penny-Beutel und dem grünen Basecap auf. Anne* überlegt kurz “Könnte das meiner sein?” Sie hat ihm extra den Beutel mitgebracht, mit Essen in einer Tupperdose und Wechselsachen, falls er geschwitzt hat. Doch irgendwie finden wir auch ihn zu eigenartig, zu fern ihn uns am sonntäglichen Frühstückstisch vorzustellen. Das Mädchen neben ihm wirkt von hinten ganz annehmlich, nicht gerade Super-Emo, aber immerhin. Leider steht sie mit ihren neuen Turnschuhen in einer Lake aus Bier, fast als hätte Steve* kurz zuvor mit Flasche getanzt. Aber so kann ich sie unmöglich mitnehmen, das ganze Auto würde stinken.
Neben uns taucht ein noch älterer Typ mit langen Haaren auf und Anne* sagt erleichtert “Die dritte Generation, der holt uns ab.” Mittlerweile hat Kisa schon einen leichten Hörsturz, mir schmerzt der Rücken und schon bei der Ankunft war klar: “Hier wer mer ni alt.” Zumindest heute Abend nicht, insgesamt bleibt es noch zu fürchten. Wir beschließen, kurz Luft zu schnappen, in einem schmalen Gang im Eingangsbereich, wo ein Mädchen ohne Unterhemd auf kalten Fließen sitzt, und ich kann den Gedanken mit der Nierenentzündung beim besten Willen nicht unterdrücken. Kann sein, dass Emos das nicht stört. Aber trotzdem. Wir warten, um uns stehen andere Menschen, wären sie älter, könnten auch sie auf „ihre“ warten. Anne* sagt “Zehn Minuten geb ich meiner noch, dann geh ich rein.” Letztendlich gehen wir zusammen rein, den Wunsch das passende Kind zu finden, aufgegeben. Mit der Aussicht, irgendwann bei Tokio Hotel zu enden. Ich muss schon sitzen, während das Mädchen mit dem Bandwurm und der Bauchtasche singt und ins Mikrophon haucht, was sie für Portishead hält.
Nicht mal an der Garderobe herrscht reges Treiben, nur vereinzelte Gestalten fordern ihre Handys, Jacken und Sonnenbrillen. Nur Marek*, der ein Taschenmesser sucht und dabei so eigenartig, umnachtet über seine Brillengläser schaut, kommt vorbei. Nicht mal mehr das verkraften wir.
Schließlich verschwinden wir in den Regen, schnell ins Auto und mach bloß die Heizung an. Ein nicht löschbarer Abend und das hoffnungsfrohe Gefühl, dass es trotzdem noch schön ist.

* Namen von der Redaktion geändert

Geschrieben von donna

am 1. Mai 2007

6 Kommentare

Veröffentlicht in Das Tagebuch

6 Kommentare zu “Gastbeitrag: Retro im Hanno-Günther-Heim”

  1. kisa sagt:

    donna, wir müssens wirklich endlich einsehen…

  2. mortek sagt:

    wunderhübsch geschrieben. auch frage mich bei besuchen der heiligen hallen des hgh’s immer wieder mal, ob die jetzige generation in 10 jahren auch so wie ich mit nem bier in der hand einsam rumstehen wird, und die welt ebenso wenig verstehen wird wie ich.
    tja ja, ein weisser mann formulierte es mal gar trefflich: früher war ich jünger. zum glück geht es nicht nur mir so….

  3. q3p sagt:

    da heul ich gleich mal mit.

  4. Hokus Pokus – das Leben lügt
    Kindsein ist die Traumwelt
    Kindsein ist das Leben
    Wer seine Kinheit verschenkt hat, der wird nie gelebt haben
    Erwachsensein ist halb gestorben

  5. mortek sagt:

    just heute abend wieder angehört. und auch auf dieser seite war es schon einmal.

  6. Ingo sagt:

    bin durch zufall auf diesen beitrag gestossen, liest sich wirklich sehr schön, gefällt mir gut

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